Ein Appell für
respektvolles Profihandling

("Soft-Handling")

von Diana Lüdemann, Nov. 2004


Was ist "Profihandling"?
Ich weiss nicht, ob es eine Defintion gibt, was unter Profihandling fällt und was nicht. Umgangssprachlich scheint mir hier der Begriff alle international erprobten Praktiken zu umfassen, die es einem Vorführer ermöglichen, kontinuierlich auf Ausstellungen zu gewinnen. Ist also die "professionelle Vorführkunst" eine Sammlung aller international bei den Profihandlern verbreiteten Erfolgsrezepte? Aber finden auch alle erfolgsbewährten Methoden (außer sie verstoßen offensichtlich gegen das Tierschutzgesetz) ihre
Berechtigung darin, dass sie "funktionieren"?

Diese Gewissensfrage muss sich jeder Vorführer selber stellen, denn es gibt immer Alternativen zu einigen der eher fragwürdigen Tricks. Auch wenn einige mir und anderen Kritikern brüskiert Neid und Missgunst gegenüber den erfolgreichen "Profihandlern" vorwerfen, sobald z.B. an dem Leinenruck, um die "Aufmerksamkeit" das Hundes zu erzwingen, oft sogar verbunden mit würgenden dünnen Vorführketten, oder dem Drehen
der Backenhaut, damit der Hund die angespannte Showpose über lange Zeit eisern beibehält, kritisierwird  und uns sogar böswillige Verleumdung unterstellt wird, wenn wir behaupten sogar eindeutig tierschutzwidrige "Tricks" beobachtet zu haben, so gibt es zum Glück auch Profihandler, die ohne solche Ausartungen beim Präsentieren im Ring auskommen und einen respektvollen Umgang mit dem Hund pflegen. Ja es gibt sogar ein Gegen-Konzept professionellen Handlings, das ganz ohne Zwang auskommt und auf der den Hund motivierenden modernen Erkenntnissen über Hundeerziehung beruht. Daher bin ich froh,
nun endlich Bestätigung von Seiten zweier Autoritäten der Profihandlerszene gefunden zu haben, von denen mir der zweite sogar den "ideologischen Überbau" zwanglosen, positiv motivierenden Handlings ("Soft-Handling") liefert. Daher bilden den Anlass für mein Plädoyer für einen respektvolleren Umgang mit dem Hund im Ring zwei voneinander unabhängige Vorträge über Profihandling an zwei aufeinander folgenden Wochenenden:

- der Vortrag von Herrn Michael Canalizo, Top-Profihandler der USA, am Samstag, den
   30.10.04, organisiert von Frau Gisela Jansen im Rahmen des Afghanen-Meetings 2004;
- das zweitägige Profihandlingseminar von Herrn Gerard O'Shea, hauptberuflicher
   Profihandler und -Ausbilder aus Schweden, am 06./07.11.04, dankenswerterweise
   privat organisiert von Andrea Wöhler.

Gestatten Sie mir ein wenig abzuschweifen, ehe ich zum Punkt komme.


Ein kleiner historischer Exkurs
In den letzten Jahrzehnten hat sich viel in der Verhaltensforschung des Hundes, in der Hundepsychologie und insbesondere in der Übertragung auf die Hundeerziehung getan.
In alten Zeiten war Deutschland mit seinem Schutzhundesport einmal Vorbild für die weltweite Schutzdienstausbildung und verbreitete die damals übliche Zwangsdressur
auf Grund negativer Bestärkung (landläufig "Strafe" genannt) zur alleinig anerkannten Hunderziehungsmethode. Bis heute gibt es solche ewig Gestrigen in so manchem verstaub-
ten Schäferhundverein. Aber gerade in solchen Länder, aus denen wir Deutschen viel "Profihandling" importieren, sind ironischerweise auch die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Lernverhalten von Hunden besser etabliert. Hierzulande hat es die moderne positive Verstärkung schwer, sich gegen die traditionelle Altlast durchzusetzen - wohl weil die wilhelminische "preußische" Schule nirgends so tief verwurzelt ist wie in seinem historischen Ursprungsland. Wem die "positive Bestärkung" aus der Pädagogik, "operante Konditionierung" aus der Verhaltenswissenschaft oder das "Clickertraining" aus der modernen Hundeerziehung ein Begriff sind, weiss, worauf ich anspiele: In den Müll mit
dem altmodischen Unwissenheit, einen Hund durch "Bestrafung" eines falschen Verhaltens "erziehen" zu wollen! Statt dessen muss dem Hund die Möglichkeit geboten werden, erwünschte Verhaltensansätze zu zeigen, um dieses dann über Belohnungen zum erwünschten Ziel-Verhalten zu formen. Belohnung des richtigen Verhaltens lautet die moderne Devise,
um den Hund aufzubauen und zu motivieren.

Nun zu dem konkreten Anlass, den beiden Profihandling-Vorträgen, die es mir erlauben, einige der gängigen Vorführpraktiken nicht nur aus persönlicher Abneigung zu hinterfragen, sondern nun auch mit Unterstützung zweier Autoritäten:
Zu meinem Erstaunen lehnten beide Herren die dünnen Vorführketten ab, ebenso ein Festhalten des Kopfes unter Zwang, sei es mit würgend zuschnürenden Vorführleinen oder mit den Fingern die Backenhaut festhaltend (oder gar verdrehend). Herr O'Shea, der auf der oben einleitend angedeuteten positiv verstärkenden Grundlage hundlichen Lernverhaltens seine Seminare über modernes Profihandling aufbaute, ging noch weiter
und verurteilte auch den beliebte Leinenruck als kontraproduktiv.

Ich möchte den Inhalt des Vortrages bzw. Seminares nicht detailgenau wiedergeben, sondern mit diesem Bericht das Interesse wecken, die beiden Herren zu weiteren Vorträgen/Seminaren einzuladen. Daher picke ich mir nur die für mein Anliegen
wichtigsten Elemente heraus.


Erstens: aus Herrn Canalizos Vortrag auf dem Afghanen-Meeting
Herr Canalizo betonte den Respekt, den man seiner Rasse entgegen bringen solle, und erwähnte im Laufe seines Vortrages folgende Punkte bezüglich "Profihandlings" im Ring:
- er möge keine dünne Vorführketten und Würger (entwürdigend für den stolzen
   Afghanischen Windhund)
- er möge keine hochgerissenen Köpfe (der Blick eines auf Sicht jagenden Hetzhundes
   müsse für die Jagd nach
vorne-unten gerichtet sein, der Afghane muss sich als
   aufmerksamer Sichtjäger umsehen können dürfen)
- er möge den Blick von fest am Kopf gehaltenen Hunden nicht (das Augenverdrehen
   zeige den Hundecharakter an)

Statt dessen empfahl Herrn Canalizo für die optimale Präsentation:

- Vorführleine: eine Nylonleine mit
   Würgestopp (Stopper-Knoten,
   damit sie sich nicht zuziehen kann,
   mehrere Zentimeter Fingerfreiheit
   im Halsband)


- Vorführung an der losen Leine
   (damit der Hund sich selbst zur
   Geltung bringen könne)

- Laufen im richtigen Tempo (nicht zu
   schnell, aber auch nicht zu langsam)


Beide Fotos von Bernd Fabig.
Zugstopper

- im Stand den Kopf mit einem Finger
   im Halsband hoch halten (die dann
   leicht abfallende Nasenlinie ergebe
   eine leicht gewölbte Nackenlinie, die
   fliessend in den Rücken übergehe,
   und dies erlaube dem stolzen
   Sichtjäger sich umzusc
hauen)

   [hat vielleicht jemand ein Foto von
   der Seite gemacht und stellt es mir
   zur Verfügung?]

- im Stand die Gliedmaßen natürlich stellen,
  d.h. Vorderpfoten senkrecht unter der
  Schulter, Hinterpfoten etwa unter den
  Sitzbeinhöckern (hinter dem Hund kniend
  sehe man dies am besten)

Fingerhaltung
- nach dem Hinstellen des Hundes steht man idealerweise vor dem frei stehenden Hund
   (Hund guckt hoch zum Vorführer, das ergebe ein geschlossenes Format)
- optimales Trimming (ausgedünntes Haar unter dem Ohrbehang für tief angesetzte,
   flach anliegende Ohren, für elegante und ausgewogene Kopfproportionen kurzhaarig
   auch zwischen Auge und Ohransatz sowie ausgedünnte Kehle und Halsvorderseite,
   sauberer Sattel zwischen dem evtl. vorhandenen Widerristschopf und den Sitzbein-
   höckern übergehend in eine oberseits sauber kurzhaarige, unterseits schwach
   befederte Rute, zum Wohle des Hundes die störenden Haarbüschel zwischen
   den Zehenballen entfernen)


Zweitens: aus Herrn O'Sheas Handling-Seminar
Herr O'Sheas rund achtstündiges Seminar unterschied sich von dem zweistündigen Vortrag Herrn Canalizos darin, dass er die Zeit für den theoretischen Hintergrund und zahlreiche Anekdoten zur Veranschaulichung seiner auf der positiven Bestärkung beruhenden Hundeerziehungsphilosophie hatte. Er verwandte daher den ganzen ersten Seminartag
unter anderem darauf, den Teilnehmern klar zu machen, welche tief in uns verwurzelten altmodischen Methoden ("Bestrafung") und anderen Umstände dem Hund die Ausstellung verleiden und wie man die Grundlage für einen motivierten Ausstellungshund legt, speziell für ein schwungvolles, ausstrahlungsstarkes, stolzes Traben im Ring und eine freie Selbst-Präsentation des Hundes im Stand. Ein ganz zentraler Aspekt dabei war: statt des vom Hund ausschließlich negativ empfundenen, strafenden Leinenruckes signalisiert ein Doppelklapps den Start zu dem freudig-motivierten Laufen.
Am zweiten Tag ging Herr O'Shea in die Details der optimalen Präsentation, speziell des "ökonomischen" Aufbauens in 3-5 Sekunden als abschließendem Höhepunkt. Aber statt den Mann arbeitslos zu machen, indem ich seitenlang den Seminarinhalt nachlesbar mache, möchte ich in diesem Artikel vor allem auf die Übereinstimmungen mit Herrn Canalizo bzw. auf die mir wichtigsten Punkte hinweisen, die noch weit darüber hinaus gehen: Vorführung an einer nicht würgenden Vorführleine, und zwar in der Bewegung nicht nur lose durchhängend (Canalizo), sondern auch die demotivierenden Leinenrucke ächtend (O'Shea). Beim aufgebauten Hund hält die rechte Hand nur das Halsband (Canalizo) oder die unteren drei Fingern das Halsband bzw. Vorführschlinge und Zeigefinger und Daumen stützen den Kopf - für diejenigen, die den Kopf unbedingt stützen und nicht darauf verzichten wollen.

Soviel zu den Übereinstimmungen. Im Laufe des zweitägigen Seminars von Herrn O'Shea kristallisierte sich heraus, dass nicht ein möglichst Viel-am-Hund-herum-manipulieren des Handlers die Vorführkunst verbessere, sondern ganz im Gegenteil: je weniger von außen erkennbar der Handler eingreift, d.h. am Hund herumwerkelt, d.h. je "freier" der Hund
sich selbst zu präsentieren scheint, desto vorteilhafter sich diese Eindrücke beim Richter einprägen. Zuletzt, am Ende des zweiten Tages, standen mehrere Afghanen frei (d.h. ohne Leine und stützende Hände, der Vorführer demonstrativ einen Schritt entfernt vom Hund). Herr O'Shea deutete an, wenn uns seine im Grundlagen-Seminar vermittelte Basis-Methode (Grundlagen-Handling auf der Basis von positiver Verstärkung) in Fleisch und Blut übergegangen sei, er noch eine Menge Stoff für ein weiteres, darauf aufbauendes Fortgeschrittenen-Seminar in peto habe, für die höchsten Weihen der Vorführkunst. Sein zwangfreies Profihandling auf der Basis der positiven Bestärkung nennt er "Soft-Handling".


Das Soft-Handling nach Herrn O'Shea
Zum Glück lehrt Herr O'Shea nichts, was nicht schon längst von einigen Profihandlern praktiziert wird. Um sich ein Bild davon machen zu können, zu welchem Ergebnis seine Philosophie führt, zähle ich in Stichpunkten auf, worauf das Seminar hinaus lief:
- Training vor dem ersten Ringauftritt, insbesondere das Stillstehen vom jüngsten
   Alter an und das Lauftraining, aber auch das Anfassen- und Abtasten-lassen sowie
   grundsätzliche Welpenerziehung und Sozialisation
für ein sicheres Wesen, ein
   aufmerksames Stehen und begeistertes Traben von Welpenbeinen an

- gründliches Bürsten des Haarkleides lange vor dem Ringauftritt, kurz vorher
   nur noch rasch aufbürsten, damit der Hund bei Laune bleibt
- Motivieren vor dem Einlauf für ein aufsehenerregend schwungvolles Einlaufen
   in den Ring für den besten ersten Eindruck
- der Doppelklapps auf die Lende als Startsignal für das energiegeladene Traben
,
   damit der Hund den Richter mit seiner Begeisterung für die Bewegung beeindruckt
- ökonomisches Aufbauen mit hundegerechten Stellungsmethoden für einen optimalen
   Eindruck im scheinbar möglichst natürlich freien Stand
- Entspannungspausen bzw. Auffrischung der Motivation des Hundes, wenn der Richter
   mit anderen Hunden beschäftigt ist und eh nicht guckt
- ökonomisches Laufen durch vorausschauendes Einteilen des Ringes durch den Handler
- siegessichere Selbstdarstellung des Handlers, die den Hund in den Mittelpunkt stellt,
   sowie die Einübung der aufrechten, selbstbewussten Haltung
und der ökonomischen
   Routine in den Bewegungsabläufe
n (z.B. Führung der linken Leinenhand und rechten
   Halsbandhand).

Einige Fotos von dieser Veranstaltung sind auf der Homepage der Organisatorin
Andrea Wöhler unter dem Menüpunkt "Aktuell" zu betrachten.

All dies lässt sich bereits heute im Ring beobachten, ist also an sich nichts Neues. Herr O'Shea bot in seinem Seminar den theoretischen Hintergrund, der all diese scheinbar unzusammenhängenden Details in ein geschlossenes Konzept des respektvollen Umgangs mit dem Hund einbettete (Clickertraining statt Strafe), und daraus seine Anleitungen ableitete, wie man sich sein Soft-Handling in der Praxis zu eigen machen könne. Das Seminar war in jeder Beziehung ein Gewinn, ja schon allein der Unterhaltungswert des energiegeladenen, mitreißenden, humorvollen Vermittlungstalents ist den Besuch seines Seminars wert - außerdem bot der "Hundeflüsterer" mit seinem tiefen Verständnis für die Psyche des Hundes nebenbei auch Lösungen für Problemhunde (wie Unlust oder Verweigerung im Ring oder Aggressivität), für die Probleme auf Handlerseite (Fehler in der Vorführung) und
die Besitzerseite (Probleme im täglichen Zusammenleben).



Fazit:
Natürlich stellen die Ansichten dieser beiden Autoritäten im sogenannten Profihandling
nur zwei persönliche Meinungen innerhalb der riesigen Hundeszene dar, in der weltweit
auch noch die traditionelle negative Hundeerziehung über die "Korrektur" unerwünschten Verhaltens verankert ist (ebenso wie in der Kindererziehung sich die moderne Pädagogik auch noch nicht durchgesetzt hat). Für mich interessant war die grundsätzliche Übereinstimmung (beim zweiten konsequent eingebettet in die moderne Art der Hundeerziehung über positive Bestärkung) der beiden Profihandler an diesen beiden Wochenenden, die mich sowohl positiv überrascht hat (ich hatte anderes erwartet) wie auch nachdenklich werden liess. Dadurch geben sie meiner Hoffnung neuen Aufwind, dass die moderne Entwicklung in der Hunde- erziehung sich auch auf unsere deutsche Ausstellungsszene positiv auswirken könne. Ich jedenfalls würde mir, dem Wohl unserer Hunde zu Liebe, sehr wünschen, dass die hunde- freundlichen Erkenntnisse der modernen Verhaltensforschung sich als Grundlage für das Profihandling konsequent etablieren würde - sicherlich nicht von heute auf morgen, aber vielleicht übermorgen? Denn je mehr die moderne positive Bestärkung sich in der Kynologie durchsetzt, desto mehr Richter geben vielleicht auch dem hundegerechten Profihandling den Vorzug? Bei manchen Hunderassen (dort, wo es am einfachsten ist, den Gebrauchshunde- rasse, zuerst) ist das Soft-Handling schon verbreiteter als beim Afghanen, aber es geht auch bei allen anderen Hunderassen.

Und nebenbei, auch Windhunde profitieren von einer Welpenprägung und anschließenden Erziehung nach dem Prinzip der positiven Bestärkung. Was für alle andere Hunderassen,
ja sogar ausnahmslos alle höheren Tiere überhaupt gut ist, den Menschen als Krone der intelligent lernenden Evolutionselite nicht ausgenommen, das nimmt den Afghanen nur
wegen seiner "Sonderstellung" als besonders unabhängigem Sichtjäger nicht aus. Die operante Konditionierung (am konsequentesten im Clickertraining praktiziert) ist das universelle Lernprinzip aller intelligenten, anpassungsfähigen Lebewesen.

Diana Lüdemann
November 2004
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